Mal ganz persönlich: Lernen

Ob Häppchenweise mit Salamitaktik, ob eher rational oder emotional, ob traditionell oder spielerisch … beim Lernen geht es ziemlich individuell zu. Je nach Kommunikations- oder Mediennutzungsgewohnheit nämlich. Denn Gewohnheiten beeinflussen den Lerncharakter eines Menschen besonders stark. Und Gewohnheiten wiederum haben mit den Lebensaltern zu tun.

Ein Beispiel. Mein Vater …

… wird diese Tage 70 Jahre alt (by the way: meine Fb-Freunde wissen auch, dass das gar nicht so selbstverständlich war!). Mit Busuu, Babbel, Apps oder gar Fa-ze-bock kann er überhaupt nichts anfangen, schon die Aussprache zeigt die Ferne zu diesen Begriffen. Lernen oder „sich-etwas-Merken“ ist bei ihm eng verbunden mit einem leuchtend gelben Marker, vorzugsweise einer Firma, zu der er beruflich eine starke Affinität hatte. Schwant Ihnen was? Genau. Alles Wichtige wird von meinem Vater sorgfältig markiert, sprich: visualisiert, und prägt sich so als Bild oder Muster für ihn besser ein.

Seine Tochter hingegen, also ich, hat sich diese Leuchtmarker von je her verkniffen (vermutlich aus jugendicher Opposition), wahrscheinlicher jedoch deshalb, da sie einen starken Hang zum Kleingedruckten an den Tag legt. Es könnte ihr ja etwas Interessantes entgehen und ALLES kann man ja schließlich nicht einfärben. So ist angeborene Neugierde (die mit den Lebensjahren normalerweise, nicht jedoch zwingend!, eher abnimmt) eine Antriebsfeder, sich mit Fußnoten auseinanderzusetzen und von einem Querverweis zum andern zu gelangen. Mithin ein spannendes, vernetztes Lernen zu betreiben, indem durch hergestellte Bezüge Lerninhalte breitflächig verankert werden.

Gibt es noch eine Schwester. 11 Monate älter, somit gleiche Generation. Ich überlege gerade, wie diese lernt. Und da fällt mir doch schnell ein: Kommunikativ. Meine Schwester setzt eine uralte Tradition fort, mittels Geschichten die Welt durch Stimme, Gestik, Mimik erfahr- und erlebbar zu machen. Heute sagt man wohl: Face-to-Face-Lernen. Wobei ich kürzlich gelernt habe (ja, ich besuche zähnezusammenbeißend einen Volkshochschulkurs, um mein über 30jähriges Schulenglisch zu reaktiveren), dass es lediglich in Deutschland diesen Begriff gäbe, ähnlich der Erfindung des Wortes „Handy“. „One-by-one“ müsse es heißen. Kennt bloß keiner bei uns.

Da ich es meinem Lehrer (ein Native Speaker aus London) nicht glauben wollte, dass es Face-to-Face als Begriff nicht gäbe – ja, auch Zweifel ist eine Antriebsfeder zum Lernen! –, schlug ich bei Leo nach. Und schon habe ich damit ein gelungenes Beispiel, wie meine eigenen Mediengewohnheiten funktionieren. „Schlage ich nach“ beweist, dass ich die erste Hälfte meines Lern-Lebens Bücher mit papierenen Seiten nutzte. Geschlagen habe ich tatsächlich, jedoch eher die Tastatur, um mir virtuell Auskunft geben zu lassen. Das handliche Englisch-Wörterbuch besitze ich noch, nehme es auch zum wöchentlichen VHS-Kurs mit. Samt Lesebrille, was total lästig ist, und das Blättern raubt auch ziemlich Zeit, derweil die nächsten Sätze bereits untergehen. Warum nur lässt unser Lehrer uns nicht einfach ein Notebook, Netbook, Tablet, IPad, Handy, … benutzen? Aaah, alte Schule! Lehrer sagt was, Schüler hören zu, Schüler antworten auf Fragen, und gut ist. Nicht für alle.

Der Spaß kommt mir – und damit komme ich zum beispielhaft letzten Faktor – dabei zu kurz. Sich entwickelnde Dialoge unter den (jungen und alten) Lernenden werden rasch unterbrochen, um mit dem Stoff nach Willen des Lehrers durchzukommen. Innerer Widerstand gegen die Vermittlungmethode des Führens, Gängelns, Forderns, Einengens, … zeichnet sich ab. So werde ich zwar brav das Semester zu Ende bringen, mich jedoch dann einer virtuellen Lernumgebung zuwenden. Ohnehin sind mir eineinhalb Stunden zu viel, da schwer ins bewegte Berufs- und Privatleben (siehe Vater) zu integrieren. Die Salamitaktik, also hin und wieder ein Viertelstündchen, sind mir lieber. Geübt bzw. gesprochen wird am Frühstückstisch mit dem Partner, der den Englisch-Kurs (quasi im Wechsel mit mir) besucht. (Danke übrigens für die letzten Hausaufgaben, Sportsfreund!)

Wie komme ich auf den Artikel? Darauf gebracht hat mich Vicente Arioli, ein App-Entwickler, der meinte*: „Die Lerneinheiten müssen in kleinen Häppchen eingeteilt werden, damit man zwischendurch lernen kann, etwa in der U-Bahn.“ Nun, trotz fehlender Bamberger U-Bahn (lachen Sie jetzt nicht, immerhin hat es sogar mal kurzzeitig eine Straßenbahn gegeben!) kann ich ihm nur beipflichten. Langweilige ICE-Tunnel-Fahrten verkürze ich mir gerne mit Lesen und Lernen – ob mit echtem Buch oder mit Laptop-Nutzung.

Tja, die Baby-Boomer nutzen und beherrschen eben viele Lernwege. Um uns muss man sich intellektuell gesehen nicht wirklich Sorgen machen😉

* gelesen in der Printausgabe des Fränkischen Tags, 30.6.2011: „Sprachen lernen via Web und App“ von Peter Zschunke, DPA.

P.S.: Mein Bruder? Wie der lernt? Durch Fehler, glaube ich. Nesthäkchen, noch dazu Söhne, durften sich diese eher erlauben. Keine Bange! Da er trotz jüngeren Alters eher traditionelle Medien nutzt, laufe ich kaum in Gefahr, dass er das hier liest und mir nachfolgend den Kopf abreißen wird😉

2 Antworten zu Mal ganz persönlich: Lernen

  1. […] zur gleichnamigen Session des BibCamp 2011. An drei ganz persönlichen Beispielen macht Fobikom-Blog schließlich deutlich, wie unterschiedlich Menschen […]

  2. Anonymous sagt:

    Toller Artikel! Ja, die Menschen lernen sehr unterschiedlich, aber auch die Methoden ändern sich trotzdem…
    In jüngeren Jahren habe ich auch mit Textmarker gearbeitet, mir die Dinge, die ich bewußt brauchte – markiert…
    In Schulungen in Steno mitgeschrieben, anschließend ‚“übersetzt“ – zum Verarbeiten… Seit es Internet gibt, lerne ich durch „Ausprobieren“… Ich muss die einzelnen Arbeitsschritte quasi gedanklich aufzeichnen, um diese auf Anfragen meiner Schüler wiederzugeben. Zudem habe ich mir angeeignet – ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo ich die Antwort finde…
    Auch das lernen wir im Zeitalter des Internets…

    Einen schönen Tag wünscht Anntheres

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