Blick über den Zaun und den Dialog suchen!

Den „Blick über den Zaun“ warf Hermann Ruch vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München. „Was erwartet die Schule von den Bibliotheken?“, so der Vortragstitel anlässlich des vergangenen Bayerischen Bibliothekstages in Augsburg.

Damit Bibliotheken mit Schulen zusammen kommen können, sollten Bibliotheken wissen, mit wem sie es zu tun haben.

1. Schulsystem im Wandel

Der Referent für Leseförderung und Schulbibliotheken führt zunächst den Wandel vor Augen, dem das Schulsystem derzeit unterliegt. Stichworte: Flexible Grundschule, Erleichterung des Übertritts (ein Ergebnis des Elternwillens, dem mehr Raum gegeben wird), Mittelschule, Berufsschule plus und FOS 13. Er verwies dabei auf den Bildungsbericht Bayern 2009 des ISB mit seinen Zahlen und Statistiken.

Der Fokus für Bibliotheken im Zusammenhang mit Schule liegt traditionell auf den Grundschulen bis zum Gymnasium. Einige der Herausforderungen, die an Schulen gestellt werden, sind die Chancengerechtigkeit für Schüler/innen mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Schichten, sowie die Geschlechtersensibilität. Interessant für Bibliotheken, da sie sich hier sehr gut einklinken könnten: das Lernen soll verstärkt handlungsorientiert, entdeckend (oder in Verwendung des Terminus von Gabi Reinmann bei ihrem Gastvortrag: forschend lernen), selbsttätig, multimedial und im Team stattfinden. Die Schlüsselqualifikation heißt hier: Befähigung zum lebenslangen Lernen.

Klingt alles ganz nett – fielen einem da nicht auch die allgegenwärtigen Tests und Zeugnisse ein. Tatsächlich finden immer mehr Tests statt, so dass Ruch sich zu der Bemerkung hinreißen ließ – „natürlich immer neutral gemeint!“ – man könne von „psychologischen Testtheoretikern versus Humanisten, die früher das Bild bestimmten“, sprechen. So stellte er einige Instrumente der Qualitätssicherung vor, die eben jenen Hang zum Abprüfen förderten: ob DESI, IGLU oder OECD PISA und – eine der ersten – IEA TIMSS.

Ruch resümierte bei den deutschen Ergebnissen von PISA zur Leseförderung, bayerische Schüler/innen zeigten ein mäßiges Gesamtergebnis, wenig Spitzenleistung und hätten die weltweit höchste Leistungsstreuung sowie mit 22,3% eine große Risikogruppe (Kompetenzstufe 1 und darunter). Außerdem ließen sich signifikante Geschlechterdifferenzen sowie eine hohe Koppelung mit der sozialen Herkunft feststellen.

2. Maßnahmen zur Leseförderung in Bayern

Schulartübergreifende Maßnahmen zur Leseförderung bietet beispielsweise das Leseforum Bayern mit Hilfe von

  • 15 Gutachtern
  • 16 Regionalbeauftragten für Leseförderung und Schulbibliotheken
  • der Schulung von Multiplikatoren
  • den Schriften des Kultusministeriums zur Schulbibliotheksarbeit und des
  • ISB-Referat Leseförderung und Schulbibliotheken für Gymnasien und Ganztagsschulen.

Ein Netzwerk Lesen, bestehend u. a. aus Eltern, Kindergärten, Schulen, Buchhandlungen, Bibliotheken, Autoren, Vereinen, Stiftungen, Museen und Zeitungsverlagen, kann so manchen Lesemuffel auffangen helfen. Ansprechpartner für Bibliotheken sind übrigens im Leseforum Bayern unter Links zu finden.

3. Neuansatz: KMK-Projekt ProLesen

Ruch stellte das KMK-ProLesen vor, welches Konzepte und Materialien zur Leseförderung als Aufgabe aller Fächer zum Inhalt hat und aus 13 Modulen besteht. Ziele sind die Hebung des allgemeinem Leistungsniveaus und mehr Schüler/innen, die die höheren (PISA-)Kompetenzstufen erreichen. Basale Kompetenzen sollen vermittelt werden, um die „Risikogruppe“ derer, die nur mühsam lesen und schreiben können, zu reduzieren. Eine Publikation soll hierzu Ende 2010 erscheinen und kann über die Staatliche Fachstelle bezogen werden.

Weitere empfehlenswerte Fachliteratur sind laut Ruch:

  • Cornelia Rosebrock / Daniel Nix: Grundlagen der Lesedidaktik (ISBN-13: 978-3834004963)
  • Artelt, C.: Förderung von Lesekompetenzen (bmbf 2005) (Tipp: Für den Download einfach in die Adresszeile Ihres Browsers Förderung von Lesekompetenzen bmbf eingeben.)

Was erwartet die Schule von den Bibliotheken?

So. Und nun endlich zur Antwort des Eingangstitels: „Was erwartet die Schule von den Bibliotheken“ als ihrem Bildungspartner? Zielgruppen-, schulform-, alters- und geschlechtsspezifische Angebote. Eine Folie stellt es grafisch dar:

  • Von 1 bis 6 Jahren: Sprachkompetenz + Lese(vor)freude
  • von 6 bis 10 Jahren: Lesefreude + Lesekompetenz
  • von 10 bis 16/17 Jahren: Informations- + Medienkompetenz

Die Mithilfe der Bibliotheken könnte in folgender Form geleistet werden:

  • Ergänzungen der eigenen Buch- und Medienbestände (z. B. Themenkisten für Projekte)
  • Bibliothekarische Dienstleistungen für die Schulbibliothek (z. B. Bestandsaufbau, Erschließung, Fernleihe)
  • Kooperationen bei Leseförderaktionen in der Schule (z. B. Autorenlesungen, Wettbewerbe)
  • Zugang zu OPAC, (Fach-)Datenbanken und elektronischen Zeitschriften

Das Credo Hermann Ruchs zu Bibliotheken als Bildungspartner lautet schlussendlich:

Den Dialog suchen! Die Schulen fragen: „Was macht ihr? Was braucht ihr?“

So einfach. So einfach? Lassen wir das Schlusswort einfach so stehen und wenden uns morgen einem weiteren Vortrag im Themenforum II zur Informationskompetenzvermittlung (Wow, 32 Zeichen!) zu: „Gemeinsame Angebote für die gymnasiale Oberstufe“.

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One Response to Blick über den Zaun und den Dialog suchen!

  1. basedow1764 sagt:

    Zunächst einmal Glückwunsch an den Kollegen Ruch, dass er den Spieß umdreht: Schule und Bibliothek statt Bibliothek und Schule.
    Man hatte in der bibliotheksfachlichen Diskussion bisher den Eindruck, dass Schulen und Lehrkräfte eine Bringschuld hätten.
    Dass am Schluss aber eine klassische, bibliotheksfachliche Aufgabenliste für schulbibliothekarische Arbeitsstellen steht: Bücherkisten, Zugang zum OPAC der Stadtbibliothek, Fernleihe, Kooperation bei Autorenlesungen, enttäuscht dann doch.

    Über den Beitrag der Schulbibliothek zur lesenden Schule, über die Möglichkeiten der Schulbibliothek im Unterricht, über die Zusammenarbeit von Fachlehrern und Schulbibliothekaren/Bibliothekslehrern wäre noch einiges zu sagen. Ein Anfang ist aber gemacht. Dem „Blick über den Zaun“ muss das Einreißen des Zaunes folgen!

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