Überraschende Kürzung bei Bildung?

Nein, ich neige nicht zum Schwarzsehen. Warum nur überraschen mich Merkel, Koch & Co. nicht wirklich mit den Adressaten ihrer Sparbemühungen? Noch betont Merkel zwar, „der Schwerpunkt für Deutschlands Zukunftsfähigkeit liege bei Bildung und Forschung“, so zu lesen in der tagesschau.de vom 15.05. Es wäre allerdings nicht der erste Rückzieher in der jüngeren Geschichte Deutschlands. Merkel: „Da wird kein Bereich ausgenommen“ (Ebda, 16.05.)

Um die Kosten meiner Bildung musste ich mir jedenfalls am vergangenen Wochenende keine Sorgen machen. Die „frohe“ Botschaft (s. o.) bezog ich online. Die andere erfuhr ich, nein, nicht aus der BILD aus dem Mülleimer vorm Haus, sondern aus dem kostenlosen Anzeigenblatt „Bamberg Stadt & Land“ (Nr. 20, 15.05.2010). Das landet nicht gleich im Mülleimer, könnte ja ein neuer Biergarten eröffnen, der sich dort zur Anzeige bringt. Und sonst noch so allerlei, was einem echten (Wahl-)Bamberger wichtig sein könnte. So auch dieses, da an der hiesigen Uni stolz verortet.

„Nationales Bildungspanel: Millionengrab oder Segen für die Gesellschaft?“ Sie erinnern sich? Vor etwas mehr als einem Jahr berichteten wir nicht zum letzten Male vom größten Bildungsprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Darin wird der persönliche Bildungsprozess von 100.000 Menschen beleuchtet.

Zweifel ja, Argumente nein?

Nun also wird auch an diesem 80 Millionen schweren Mammutprojekt bereits wieder gezweifelt. Wobei die Zweiflerin, die „Jung-Journalistin“ Sarah Kunkel, den (angeblichen) Schwachstellen in diesem Projekt mit „Defizite sind bekannt“ (als Überschrift) „man hat den Eindruck“, „Ich kann mir schwer vorstellen“, „das ist doch bekannt, genauso wie die Ursachen“ und „eigentlich“ nicht wirklich beizukommen vermag. Sie meint außerdem, es gäbe bereits genügend Daten als Grundlage, man bräuchte keinen Videofilm, es reichen doch Dias, also Momentaufnahmen (hä?).

Verwirrend und eigenartig auch, wenn sie das Bildungspanel mit einer Grippediagnose (im Sinne: Ein Arzt statt fünf) und dem „Desaster mit den Verkehrsschildern“ vergleicht. Oder schreibt: „Es kommt meiner Meinung nach in erster Linie darauf an, die aufgedeckten Probleme zeitnah und konkret anzugehen, wozu macht man denn diese Studien sonst?“ Das ist in sich ein Widerspruch.

Die Studie hat nicht die Aufgabe, die aufgedeckten Probleme zeitnah und konkret anzugehen. Das müssen andere tun. Auf Grundlage eben dieser Studie. Die Frau Kunkel in Frage stellt. Obwohl sie sie offensichtlich ja doch nicht ganz ablehnt, sonst hätte der Satz „zu was macht man denn diese Studien sonst?“ keinen Sinn. Alles verstanden? Nein, ich auch nicht.

Doch nun wird es endlich konkret. Kunkel behauptet („das ist doch bekannt“), dass „Kinder mit Migrationshintergrund oft große Probleme in der Schule haben.“

Und wird denn auch im gegenüber stehenden Pro-Artikel durch Dr. Hans-Peter Blossfeld, Soziologieprofessor der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wiederlegt. Eben durch Forschung und NICHT durch kunkelsche Mutmaßungen! Hätte die Jungjournalistin mal eben vorher  recherchiert. Kann man nämlich nachlesen. Im Spiegel Online vom 20.08.2008, darauf im FobiKom-Weblog vom 22.08.2008 hingewiesen, unter Punkt 5 im Beitrag: Lernen im Lebenslauf (IV), Broschüre des BMBF unter der Lupe“ zum Thema Integration. „Eingebürgerte sind erfolgreicher als gebürtige Deutsche“.

Den Rest schenke ich mir

„Nehmen nicht an an solchen Studien gerade die Leute teil, die gerne über sich und ihr Leben reden?“ frägt Kunkel weiter. Aua. „An solchen Studien“ – als gäbe es haufenweise Studien in dieser Größenordnung. Mehr mag ich dazu gar nicht mehr schreiben, den Rest schenke ich mir, von wegen empirischer Sozialwissenschaft und Repräsentativität …

Soll ich noch etwas zu diesem Wochenende sagen? Es war nicht nur grau und mutlos. Es ist doch schön zu erfahren, dass sich sogar Anzeigenblätter mit Wichtigem befassen. Und wenn ihnen das Geld für guten Journalismus fehlt, dann können sie wohl genau so wenig dafür wie wir für unsere Regierung …

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One Response to Überraschende Kürzung bei Bildung?

  1. Für mich ist klar: wenn nicht gekürzt werden soll, muss es neue und/oder höhere Steuern geben (Finanztransaktionssteuer, höhere Mehrwertsteuer). Der Chef vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Professor Zimmermann spricht von einem strukturellen Defizit der öffentlichen Hände von 50 Milliarden Euro. Auch der hessische Ministerpräsident Koch bringt vorsichtig mögliche Steuererhöhungen ins Spiel. Ich bin der Meinung, lieber Steuererhöhungen als Kürzungen, wobei natürlich auch Ausgaben auf den Prüfstand gestellt werden dürfen (Ausbau von Straßen etc.)

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