Mindestlöhne für die Weiterbildungsbranche?

Sind gesetzliche Mindestlöhne für die Weiterbildungsbranche marktwirtschaftlich gesehen schädlich? Oder nur fair, da der Markt alleine in vielen Branchen nicht für lebensunterhaltssichernde Einkommen sorgt, obgleich die Leistungen meist nicht nur der einzelnen fortgebildeten Person sondern darüber hinaus vielen anderen eine Bereicherung ist? Kaum ein gutes Skript, das nicht hundertfach kopiert und imitiert wird. Kaum ein Seminar zu Soft Skills oder Web 2.0, von dem nicht gleich eine ganze Menge weiterer Menschen in einem sozialen Netzwerk unmittelbar profitieren.

Kaum 15% der rund 650.000 Lehrenden (die Zahl entstammt einer Studie bzw. wurde ihr zugrunde gelegt, ganz erschließt sich das mir nicht, aber egal), sind auf sozialversicherungspflichtiger Basis beschäftigt, so ist in der Zusammenfassung der Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Leibnitz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V. (DIE) zu lesen. Das bedeutet also für den Rest die Frei- oder Nebenberuflichkeit und das wiederum bedeutet für die einzelnen Trainer(in) mehrere Vertragsverhältnisse, um die Existenz zu sichern. Sprich: nachts bei MacDonalds, dreimal die Woche Nachhilfeunterricht bei „Reichens“, Minijob an der Uni, Wochenende Bedienung … und der Rest: Seminare verkaufen.

Die Aufnahme der Weiterbildungsbranche in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz (AentG) (wir berichteten) im April 2009 brachte eine mögliche Einführung des gesetzlichen Mindestlohns voran. Weitere Hürden sind zu nehmen, da sich FDP und Teile der Union nicht zu seiner Verwirklichung durchringen können. Einziger Erfolg (?): die Bundesagentur für Arbeit empfiehlt die Stundenvergütung pädagogischer Mitarbeiter(inn) zwischen € 12,28 (West) und € 10,93 (Ost) auf Grundlage der tariflichen Einigung.

Dass mir das keiner mit den Honoraren für freiberufliche Weiterbildner/innen verwechselt! Denn ich möchte DEN oder DIE Handwerker/in sehen, der oder die zu diesem Honorar einen Finger krumm machen würde. Und Seminare gestalten und halten ist AUCH ein Handwerk, betrachtet man nur die Finessen der Office-Programme und Schulungsplattformen, die es wie selbstverständlich zu beherrschen gilt. Vom teuerem Studium oder hochwertiger (eigener bezahlter) Weiterbildung, um up to date zu bleiben, einmal abgesehen. Für diesen o.g. Stundensatz müsste ein/e selbständige/r Trainer/in volle 22 Arbeitstage im Monat ein Seminar halten, um überleben zu können.

Mindestlohn also wirklich nur für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, beispielsweise für VHS-Mitarbeitende. Für alle anderen wäre der Stundensatz auf alle Fälle ein Hohn und auf keinen Fall als Grundlage zu sehen. Es sei denn für schnell hingepfuschte Low-Budget-Schulungen (sprich: Frontalvorträge), die nur zur Bereicherung der Fortbildungsstatistik einer Institution dienen. Qualität ist da jedenfalls kaum mehr zu erwarten, von Vorbereitung und Nachbetreuung ganz abgesehen.

Was ich ganz nebenbei sehr interessant finde: das Arbeitnehmerentsendegesetz entstand aus Gründen des Schutzes vor „Billigkonkurrenz“ aus dem benachbarten (häufig östlichen) Ausland. Die Weiterbildungsbranche reiht sich hier ein in die Baubranche, wofür das AentG ursprünglich konzipiert war, dieser folgend das Gebäudereinigerhandwerk, die Briefdienstleistungen, das Wach- und Sicherheitsgewerbe, die Pflegedienste, Bergbauspezialisten, Abfallwirtschaft und Textilreinigung und die Arbeitnehmerüberlassung (also Leiharbeit / Zeitarbeit). Denken Sie sich Ihren Teil …

Tolle Info über die Tarifdiskussion mit einem Exkurs in das Arbeitsnehmerentsendegesetz in diesem Dokument der Reihe DIE FAKTEN (PDF, 380 KB)…

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