Netzwerkkonferenz 2009 (1): Zeit und Qualität

Die diesjährige Netzwerkkonferenz der Lerner- und Kundenorientierten Qualitätsentwicklung fand unter dem Motto „Zeit für Qualitätsentwicklung“ am 23.11.2009 in Köln statt. Sie beinhaltete drei Teile: Zeit und Qualität – Zeit und Organisation – Zeit und Lernen, jeweils mit einem Gastvortrag und anschließendem World-Cafè zur teilnehmergesteuerten Vertiefung des Erfahrenen.

Prof. Dr. Karlheinz Geißler (Universität der Bundeswehr München), renommierter Zeitforscher, Autor zahlreicher amüsant zu lesender Bücher und Aufsätze zu Zeitphänomenen und zur Erwachsenenbildung, begann den Reigen der Gastredner mit einem begrifflichen und geschichtlichen Überblick über die Zeit und ihre jeweiligen Qualitäten in ihrer Zeit.

Zeit-Begriff

Dass „Zeitsparen“ weniger Zeit bedeutet und somit eine immer wertvoller werdende Zeit, die es um so mehr zu nutzen gilt, wurde nach seiner dividierenden Rechenformel einsichtig. Dass der Begriff „Zeitmanagement“ ein Widerspruch in sich ist, da man Zeit nicht managen kann, ist zunächst schwerer zu verstehen. Klar wird es erst, wenn wir begreifen, „dass sich der Mensch zur Zeit [nicht] verhält wie zu einem Gegenstand, den er verändern kann“.

Zeitmanagement wird häufig als „Beschleunigungsmanagement“ missbraucht. In der Zeitberatung zu einem menschlicheren Umgang suchen wir die Lösung.

Natur-Zeit und Geld-Zeit

Geschichtlich gesehen war die „gute alten Zeit“ eine Natur-Zeit. An der damals gebräuchlichen Sonnenuhr war zweierlei abzulesen: der Sonnenstand, also die Zeit, und das Wetter. Kein Wunder, dass sich in allen romanischen Sprachen „Zeit“ und „Wetter“ den gleichen Begriff teilen.

Der Wandel von der Natur-Zeit in die moderne Geld-Zeit wurde ausgelöst in Italien. Denn hier (nein, nicht in der Schweiz!) wurde die Uhr erfunden. Mithin der „Takt“, der keine Abweichungen vorsieht, statt des bisherigen „Rhythmus“, der der Natürlichkeit, der Menschlichkeit entspricht. Dass die erste Geldbank folglich ebenfalls in Italien ihren Ursprung hat – wen wundert’s!

Beschleunigte Zeit

Karlheinz Geißler hielt die Teilnehmenden der Netzwerkkonferenz durchgehend bei Laune. Gleich zu Anfang mit einem humorigen Film (es zeigt sich der Könner, s. a. sein Werk „Anfangssituationen …“) und im weiteren Verlauf seines beamerunterstützten, weitestgehend in freier Rede gehaltenen Vortrags mit launigen Sprüchen à la:

Ein „Herzinfarkt“ erfolgt aufgrund der
Vertaktung eines rhythmischen Organs
und ist somit ein Zeitinfarkt

oder

Die DDR war die Abstellkammer der Zeit, deshalb musste sie auch untergehen.

Letzterer Spruch bezog sich auf die Stechuhren, deren Gebrauch der Beschleunigung durch Schnelligkeit (wenn das nicht doppelt gemoppelt ist!?) diente und der Erziehung zur Pünktlichkeit, wie auch ein Plakat zur Blütezeit der Industrialisierung vor Augen führte. Dass dieses Verfahren letztendlich kontraproduktiv ist, da es zum „Herzinfarkt, s. o.“ führen kann, liese sich daraus ableiten.

Zeitvielfalt

Die Zeit der Postmoderne brachte uns die Zeitvielfalt. Und Beschleunigung nicht durch noch mehr Schnelligkeit, sondern durch Zeitverdichtung (!). Also mehr bzw. parallele Vorgänge in der gleichen Zeit statt eines Vorganges, der noch schneller erledigt wird.

Zeitverdichtung verlangt nach Gleichzeitigkeit und in der Folge nach Zeitorganisation. Die wiederum Zeit kostet.

Dass das Mittagessen in diesem Jahr als Menue und nicht mehr in Bufett-Form eingenommen wurde, mag einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Redner haben. Karlheinz Geißler zeigte ein Bild, überreichlich mit verschiedensten Speisen beladen, und  konsternierte (übel-)launig:

Ein Bufett ist die Gleichzeitigkeit von Essensfolgen.

Hm. Heißt das also auch, Multi-Tasking, ade?  Schade, so als Frau schätzeund praktiziere ich das durchaus gerne. Doch ich werde eines Besseren belehrt:

„Bei der Vergleichzeitigung entfallen die Übergänge, es fallen weg:
die Anfänge und das Aufhören.“
(Literaturtipp: Schlussituationen: die Suche nach dem guten Ende)

Das leuchtet ein, denn auch ich empfehle in meinen Zeitmanagement-Seminaren (sorry, Zeitberatungs-Seminaren!), dass vor Beginn der A-Prioritätsaufgaben erst einmal mit allem „Nebenbei“ abgeschlosssen werden sollte, um sich besser auf das Neue einzustellen und sich konzentrieren zu können. Also gut. Ich schließe hiermit ordentlich ab und verweise auf die nächste Berichtsfolge: Zeit und Organisation, mit PD Dr. Frank M. Orthey.

Gute Zeit Ihnen allen – Sie ahnen ja nun, wie sie aussehen könnte …

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