Ist Internetnutzung bereits als “Lernen” anzusehen oder …

… ist Lernen nicht etwas Spezifischeres? Diese Fragen stellte Jürgen kürzlich im FobiKom-Weblog. Und sie wurden noch nicht beantwortet. Doch sicher hat sich der eine oder die andere Gedanken dazu gemacht. Ich natürlich auch. Wollen mal sehen, wohin die führen.

Lernen. Ein Gruselwort aus der Schulzeit?

Ein inflationäres Wort wie in „Lebenslanges Lernen“ (und noch mal so gruselig)? Ein altmodisches Wort, das sich zum Beispiel keinesfalls für „E-Lernen“ eignet und daher nur als „eLearning“ durchgeht? Lernen wir das Wort „Lernen“ neu kennen. Warum nicht in die Wikipedia schauen? Ist gut erklärt dort. Kann man lernen, dass Lernen „etwas mit Spuren hinterlassen, aber auch mit nachspüren zu tun“ hat. Oder auch, dass Lernen „aktiv und passiv“ geschieht. Somit wäre die Frage, ob Internetnutzung bereits „Lernen“ ist, mit „Ja“ zu beantworten.

Der Anspruch ans Lernen

Denn das mit den Spuren … also ehrlich gesagt, das wusste ich bis dato noch nicht. Sie etwa? Ohne in ein Wörterbuch (gleich welchen Ursprungs) zu sehen, stelle ich hier eine eigene Sichtweise von Lernen zur Debatte. Gespeist aus der Erfahrung als Lehrende, was immerhin wortmäßig verwandt ist. Ich verwende beispielsweise bewusst die Formulierung: „In meinen Seminaren erfahren Sie, wie … “ und NICHT: „In meinen Seminaren lernen Sie, wie …“. Denn das Lernen findet in der Regel durch Wiederholung statt. Dazu benötigt es jedoch Zeit. Die in Seminaren nicht immer ausreichend zur Verfügung steht. Außerdem: für „echtes“ Lernen braucht es zusätzlich einen Erfahrungswert, zum Beispiel durch das Umsetzen des Erfahrenen. Damit das erfahrene Wissen verankert werden kann. Oder auch, um es nötigenfalls zu korrigieren oder anzupassen. „Lernen, um nicht zu vergessen“, hieß es in meiner Jugend. Das ist der Anspruch ans Lernen. Eben nicht gleich alles wieder zu vergessen.

Lernen findet statt. Immer.

Gewollt oder ungewollt. Aktiv und passiv. Ein bisschen oder erfolgreich. Jetzt oder später. Kurzgespeichert oder nachhaltig. Also eigentlich egal, wie. Lernen findet immer statt. Eine Spur wird entdeckt … ob winzige Spatzenfüsschen oder Lkw-Reifenbreite, ob gesucht oder zufällig drüber gestolpert, ob weiterverfolgt oder gleich wieder verwischt durch die eigenen Fußabdrücke …

Wie Lernen stattfindet

Das ist der Moment. Jetzt wird’s interessant. Denn: in diesem Moment, wo es uns nicht mehr egal ist, WIE Lernen stattfindet und mit welchem Ergebnis, ob wir die Spur halten (uns an ihr halten) wollen, was wir uns von ihr wünschen (zum Beispiel eine Oase am Ende), … reicht uns der armselige Begriff „Lernen“ nicht mehr aus.

Wir reichern also an. Mit Begriffen wie „selbstorganisiertes“, „nachhaltiges“, „gesteuertes“, „implizites“, „widerständiges“, „kognitives“, „soziales“, erfolgreiches, … Lernen. Was immer also unter „Lernen als etwas Spezifisches“ gemeint sein könnte: ich würde sagen, es hat etwas mit der passenden Methodik und Didaktik zu tun, ausgerichtet an den Bedürfnissen des Lernenden, des Spurensuchenden.

Frage und Antwort

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: „Ist Internetnutzung bereits als “Lernen” anzusehen oder ist Lernen nicht etwas Spezifischeres?“

Internetnutzung ist sicherlich eine (von vielen) Methode(n), um an Lerninhalte zu gelangen. Die Lerninhalte zu vertiefen und zu reflektieren, sich darüber auszutauschen und Erfahrungen mit dem „Erfahrenen“ (noch nicht Gelernten!) zu sammeln, sie zu verknüpfen mit anderen Lernstoffen, beispielsweise aus Büchern oder vom Hörensagen, sie zu überprüfen, anzupassen oder zu korrigieren, …, tja, das wäre dann wohl die didaktische Komponente, der Weg zum Ziel, das Lernprogramm für den speziellen Einzelfall.

Die Antwort auf Jürgens Frage müsste folglich lauten: Internetnutzung ist bereits als “Lernen” anzusehen UND Lernen kann etwas Spezifischeres sein.

Wie sieht’s aus? Kann man das so stehen lassen, Jürgen? Und Sie da draußen? Noch eine andere Antwort parat? Nur zu!

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3 Responses to Ist Internetnutzung bereits als “Lernen” anzusehen oder …

  1. Gerald Schleiwies sagt:

    Wenn ich gelernt habe mit dem Internet umzugehen kann ich auch mit Hilfe des Internet lernen. Nur dadurch das ich zum Beispiel für eine Fortbildung Moodle nutze, werde ich nicht schlauer. Die Inhalte zählen, doch lerne ich halt auch durch den Gebrauch eines Lern-CMS wieder etwas dazu. Kein Widerspruch, nur die Nutzung einer anderen Lernmethode.

    Das Wort „lebenslang“ wird oft verbunden mit einer Haftstrafe, „lebenslanges Lernen“ ist somit negativ besetzt. Einige Weiterbildungsinstitute ersetzen diese Phrase gerne durch „lebensbegleitendes Lernen“. Mit diesem Begriff ist das Lernen des Internetumgangs und das Lernen mit dem Internet mit eingebunden.

    Problematischer aber ist, das ich erst etwas Lernen muss um das zu Lernen, was ich will. Ist die erste Hürde beim E-Learning jedoch zu kompliziert, lerne ich das gewollte überhaupt nicht mehr. Dadurch, dass das Internet sich immer noch rasant ändert ist der Lernprozess mit dem Umgang nicht abgeschlossen, also quasi „lebensbegleitendes Lernen“. Am Ende nennt man das dann Erfahrung.

    Ähnlich wie beim Auto, bei jedem neuen Auto und bei jedem Land, welches ich neu damit bereise, lerne ich etwas hinzu um schlicht und einfach mit der Situation zurecht zu kommen und das wahre Ziel zu erreichen. Nicht umsonst sagt der Wanderer: „Der Weg ist das Ziel.“

    Mein Fazit: Die Internetnutzung ist das Lernen in der 1. Stufe um damit meinen eigentlichen Lernbedarf zu befriedigen.

  2. fobikom sagt:

    > Problematischer aber ist, das ich erst etwas Lernen muss um das zu Lernen, was ich will. Ist die erste Hürde beim E-Learning jedoch zu kompliziert, lerne ich das gewollte überhaupt nicht mehr.

    Dieser Erkenntnis kann ich nur zustimmen, Gerald, scharf beobachtet. Wird für viele aus den geburtenstarken Jahrgängen (noch) zutreffend sein.

    Doch Umwege zu gehen, um ans Ziel zu gelangen, dürfte gestern wie heute normal sein. Früher hatte man zum Vordringen des Eigentlichen unter Umständen ebenso so lange gebraucht wie heute. Indem man beispielsweise Fernleihformulare zur Buchbeschaffung ausfüllen musste, unter Kenntnis aller dafür erforderlichen Ansetzungsregeln … um nur ein Beispiel zu nennen. Gerade die Nutzung von Bibliotheken erscheint mir übrigens einfacher zu werden – aus der Sicht der Nutzer. (Gibt es irgendwo Vergleichsstudien?)

    Mein Eindruck ist außerdem, dass der Nutzen des Gelernten im Bereich Internet häufig als Schlüssel dient und sich mit diesem kaskadenartig weitere Möglichkeiten eröffnen. Zuweilen mag das wie „uferloses Lernen“ wirken, was in Wirklichkeit nur eine Eintrittskarte in (tatsächlich) unüberschaubare Räume ist. DANN heißt die Devise allerdings: Mut zum Dranvorbeigehen. An der Türe. Nicht am Schlüssel.

  3. wedernoch sagt:

    Mir gefällt der Begriff „lebenslanges Lernen“. Allerdings bin ich auch älter. Bis zum Ende des Lebens zu lernen und nicht mit 65 auf hören zu müssen, das ist genau das, was ich will. Gut, man kann es auch „lebensbegleitendes Lernen“ nennen.
    Mein Wunsch, Schulbibliotheken ins Netz zu bekommen, hat sich erst durch meine Betätigung und Auseinandersetzung während dieses Kurses entwickelt. Mein diffuser Wunsch, eine Bildungslücke zu schließen und damit wieder mit den Kindern mithalten zu können, hat mich also durch die Eigenmotivation auf einen neuen Gedanken gebracht. Und der entwickelt nun eine eigene Dynamik. So würde ich eine Grundvoraussetzung für das e-lernen benennen als Zündung.
    Meine Versuche persönlich andere BibliothekarInnen anzusprechen, doch in eine Vernetzung zu gehen und damit zu einer Stärkung der Schulbibliotheken zu gelangen, wurde mit Arbeitsüberlastung abgelehnt. Da ist also keine Bereitschaft für Zündung vorhanden. Und so erlebe ich auch einen Teil der SchülerInnen. Sobald das Netz Arbeit macht oder zu Frustrationen führt, lassen sie es.
    Wenn ich etwas unternehme (Buch/Zeitung lesen, an Kursen teilnehmen, Reisen, auch Essen gehen) und habe einen neuen Gedanken, eine neue Verknüpfung in meinem Gehirn erfahren, dann bin ich zufrieden. Das hat nichts mit Wiederholung zu tun. Ich entwickele eine Verknüpfung zwischen bisher nicht verknüpften Inhalten meines eigenen, inneren Speichers. Das gibt mir ein aufregendes, befriedigendes Gefühl. Und tief in mir weiß ich, dass ich wieder etwas gelernt habe. Super gut!
    Das ist ein sehr individuelles Erlebnis und über Lernprogramme sicher nur teilweise erreichbar. Es wirkt direkt auf die Eigenmotivation und die Ausdauer. Also wäre für mich Internetnutzung, so wie ich es bereits kann, Informationsaufnahme. Ergibt sich eine zündende Idee wird es zum Lernen und hinterlässt Spuren im Gehirn durch nachweisbare neue Verknüpfungen. Und die nötige Motivation neue Inhalte und mögliche Lernsituationen zu suchen.

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