Subjektfördernde Erwachsenenbildung am Beispiel Tschernobyl und Web 2.0

Einladung zur Diskussion „Subjektfördernde Erwachsenenbildung“

Meueler, Erhard: Die Türen des Käfigs. Wege zum Subjekt in der Erwachsenenbildung. Stuttgart : Klett-Cotta, 1998, S. 171-172.

„Schon die funktionale Selbstreflexion, die zur Aufrechterhaltung des kleinen Ich’ notwendig ist, benötigt immer wieder die Selbstaufklärung als eigene Beschaffung von Information. Dieses Bedürfnis vermehrt sich mit jeder Beunruhigung, sofern sie nicht sofort verdrängt wird. […]

Reichen Zeitungslektüren, … , die Gespräche mit Freunden […] nicht aus, wird unter Umständen der Weg in eine eigens auf diese Problematik abgestellte Bildungsveranstaltung gesucht. Bildung erweist sich als notwendig.“

(Abschnitt: „… 32 Annahmen zur subjektivitätsfördernden Erwachsenenbildung …„, Annahme 3)

Meueler nennt im Folgenden als Beispiele der „Beunruhigung“ den SuperGAU in Tschernobyl und den Golfkrieg. Ereignisse, die „von ihrem existentiellen Gewicht her“ zwingend dazu beitragen, dass wir „aus eigener Initiative nach klärenden Informationen, Deutungen und politischer Aufklärung wider die offizielle Verharmlosung und Desinformation [zu] suchen“. (Meueler 1998, S. 172)

Tschernobyl – Lernen durch Beunruhigung

Tatsächlich hatte der Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl mich in meiner eigenen Lebensbiografie vom Rauchen abgebracht, als unmittelbare persönliche Gegenreaktion auf (scheinbar) nicht Beeinflussbares. Begleitend und aus besagter „eigener Initiative“ heraus besuchte ich außerdem eine von der Vereinigung „Mütter gegen Atomkraft e.V.“ organisierte Informations- und Diskussionsveranstaltung, zu der eine angesehene Kapazität der Kernphysik nach Olching (oder war’s Fürstenfeldbruck?) angereist kam. Das teuere und gehaltvolle Skriptum dieser Veranstaltung wurde über jeden Umzug hinweg (aus keineswegs sentimentalen Gründen heraus!) gerettet. Selbst heute noch erinnere ich mich an einige Details um Becquerel (1 Becquerel liegt vor, wenn 1 Atomkern je Sekunde zerfällt), Caesium und Halbzeitwerte, … und weiß halbwegs Bescheid, wie ich mich im Falle eines nuklearen Fallouts zu verhalten habe. (Man suche den Keller auf, halte dort Sand für die Notdurft parat und verwende ein Klebeband zur Abdichtung der Kellertüre).

Nachhaltiges Lernen also durch persönliche Beunruhigung. Ich sah mich damals „… gezwungen, aus eigener Initiative nach klärenden Informationen, Deutungen und politischer Aufklärung wider die offizielle Verharmlosung und Desinformation zu suchen.“ (Meueler 1998, S. 172), aufgrund unmittelbarer innerer Beteiligung, beziehungsweise, es war das Ereignis dazu geeignet, „ … die Filterungen und Panzerungen unserer Abschirmung vor der bedrohlichen Lebenswelt (zu) durchbrechen.“ (Meueler 1998, S. 172)

Wie stark und nachhaltig dieses Motiv der Suche nach klärender Information war und zwei Jahrzehnte nach Tschernobyl noch immer ist, macht ein Interview der Süddeutschen Zeitung am 24.04.2006 mit der damaligen Gründerin von „Mütter gegen Atomkraft e.V.“, Karin Wurzbacher, deutlich:

„Wurzbacher: Wütend war ich über die Verharmlosung von offizieller Seite. Ich bin ja nun Physikerin, hab auch mein Diplom in Kernphysik gemacht, ich konnte das also sehr wohl beurteilen. Aussagen, in denen behauptet wurde, es sei nichts los, man brauche nichts zu machen, müsse keinen Sand auszutauschen und brauche keine Schulhöfe abzuspritzen, solche Maßnahmen seien übertrieben, haben mich schon sehr wütend gemacht ebenso wie die frühe Entwarnung.“

SZ: Sie sind ja im Umweltinstitut München beschäftigt, das ebenfalls aufgrund von Tschernobyl gegründet wurde. Wie ist denn jetzt die Lage bei unserer Nahrung zu beurteilen, ist sie noch radioaktiv belastet?

Wurzbacher: […] Deswegen haben wir Belastungen bei bestimmten Pilzsorten, da gibt es ein paar Spitzenreiter, […]. Dann ist das Wild belastet, das, […], noch Werte über dem von der EU festgelegten Grenzwert haben kann – das wären 600 Becquerel pro Kilogramm. Bei Wildschweinen ist es ganz besonders schlimm. […] Da gab es in den letzten Jahren sogar noch einen Spitzenwert von 70 000 Becquerel pro Kilogramm. Alles, was über 600 Becquerel belastet ist, wird, sofern es aus Staatsforsten kommt, entsorgt.

SZ: Also das wird noch kontrolliert?

Wurzbacher: Es wird noch kontrolliert, wenn es aus Staatsforsten kommt, und entsorgt, darf also nicht auf den Markt kommen, und die Jäger werden dafür auch noch entschädigt.

SZ: Darüber spricht keiner mehr.

Wurzbacher: Nein, da spricht keiner drüber. Die Gefahr besteht aber eher bei Wild aus privaten Jagden. Da wird nicht untersucht, bevor das frisch geschossene Wild an ein Gasthaus geben oder im Bekanntenkreis verteilt wird. Da ist man nicht gefeit gegen eine höhere Belastung. Es gibt aber auch immer wieder Ausreißer bei Pilzen: Wir haben da mal einen Fall verfolgt, weil belastete Ware sogar auf Münchner Wochenmärkte gelangte.

SZ: Die Folgen sind also noch präsent, nur hat man sie verdrängt?

Wurzbacher: Von offizieller Ser [soll heißen: Seite] vier Jahre nach Tschernobyl wurde bereits erklärt, es sei alles bedenkenlos.“

(Interview SZ 2006, S. 56)

„Subjektorientierte Erwachsenenbildung heißt bewusstes Gegensteuern gegen Gefühle der Ohnmacht, der Isolation …“ (Meueler 1998, S. 172, siehe Annahme Nr. 4), derzufolge sich die Mütter gegen Atomkraft zu einem Verein zusammengeschlossen hatten.

Nicht immer müssen es Katastrophen von weltumspannender Bedeutung sein, die das Subjekt aus seiner Unmündigkeit herausbewegt und es zu selbstverantwortlichem Handeln aufruft. Oft sind es „nur“ die Fragen des Arbeitsalltags, die den Einzelnen dazu bringen, sich einer Gruppierung anzuschließen, die seinen subjektiven Fragen und Interessen Antwort geben könnten.

Und hier spannt sich nun der Bogen zu Web 2.0 und sozialer Software, genauer: zum kürzlich neu installierten Weblog der Kommission für Fortbildung (FobiKom), die innerhalb eines Personalverbandes, dem Berufsverband Information Bibliothek, BIB e.V., agiert.

Ohnmacht und Isolation zwingt zur subjektorientierten und -fördernden Erwachsenenbildung

Die Kommission für Fortbildung initiierte innerhalb ihres Gremiums eine Fortbildungsreihe unter dem Titel „Rent-a-Fobi“, deren erstes Thema eine Veranstaltung zu „Web 2.0 und sozialer Software“ war. Da die Kommissionsmitglieder bisher – wenn überhaupt – nur passive Nutzer von Weblogs & Co. waren, lag es auf der Hand, nicht nur Fort- und Weiterbildung anzuregen, sondern diese sogleich als Lernende mit zu nutzen. Mitverschuldet hat dies auch das beunruhigende Gefühl der Ohnmacht gegenüber all denjenigen, die sich des Mediums Weblog virtuos bedienen, wohl auch das nagende Gefühl der Isolation innerhalb des doch so grenzenlosen, demokratischen, freiheitsliebenden, (beinahe) jegliche Gesellschaftsschichten missachtenden und mithin wohl sozialen Internets – es zwingt nachgerade zur „subjektorientierten“ Erwachsenenbildung oder zur „subjektivitätsfördernden“ Erwachsenenbildung.

Die kleine sprachliche Differenzierung beiseite lassend soll hier nunmehr auf den „Selbsthilfeansatz„ zu sprechen kommen, „… der den Maßstab für Lern- und Erkenntnisfortschritte aus den subjektiven Konstellationen heraus definierte.“ (Arnold/Schüssler 2001, S. 59)

Der Selbsthilfeansatz des kleinen „Ich’s“ und der Sprung in den nächsten Bildungslevel 2.0

Der Selbsthilfeansatz, der unsere Generation im Falle Tschernobyls zu einer gesteigerten Wahrnehmung globaler Umweltverschmutzung (damals noch ein Randthema), sowie mich persönlich – ganz im Sinne des „kleinen Ich’s“ – vom Rauchen abbrachte, gepaart mit der Stimme der Aufklärung und der Vernunft (diesen europaweit aufrüttelnden Teil der Bildungsgeschichte kann hier aus Platzgründen leider kein weiterer Raum gewährt werden; Tipp: Kant und seine „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ lesen!) – dieser Selbsthilfeansatz also erlaubte mir heute bei einer, zugegebenermaßen weitaus harmloseren Beunruhigung, den Sprung in den nächsten „Bildungslevel“, unisono bezeichnet mit „2.0“.

Meine persönlichen, ergo: subjektorientierten Lern- und Erkenntnisfortschritte wachsen mit jeder Woche, die uns die Webloggemeinde (neudeutsch: „Community“) eine neue Lektion mit „Lernen 2.0“, einem „Selbstlernkurs für [das] Bibliothekswesen“ beschert.

Doch vorwärts getragen vom eigenverantwortlichen, eigengesteuerten, eigengeschuldeten, … Erkenntnistrieb, (synonymisch für: beseelt von ungeduldiger Neugier) ertappte ich mich dabei, dass ich einige Funktionen des Weblogs wagemutig und vorzeitig selbst ausprobierte. Als nun die zweite Lektion erschien, war ich einigermaßen enttäuscht, da ich wenig bis gar nichts Neues hinzulernen konnte. Mithin die Bestätigung, dass (m)ein subjektivitätsförderndes oder subjektorientiertes Lernen rasante Erkenntnisfortschritte zeitigt, die nun mein neuer Maßstab für (noch mehr) Einsatzfreude beim Ausprobieren sind – sapere aude! („Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kant)

Zugegeben: zwar werde ich innerhalb meines eigenen Maßstabes nur den einzelnen Lerneinheiten ab und zu um eine Nasenlänge voraus sein, nicht jedoch der Komplexität des Webloggens bzw. der Weblogredaktion an sich. Doch die eingangs zitierte „eigene Beschaffung von Informationen“ ist im Zeitalter von Wikipedia, Social Network und Dank kompetenter Bibliothekarinnen und Bibliothekare (besagter Community!) ein eher angenehmes Unterfangen. Und wird im Sinne des Selbstorganisierten Lernens mittlerweile sowohl didaktisch erwünscht als auch methodisch unterstützt, wie es das Konzept des „Lernen 2.0“ augenfällig beweist. Zwischen den einzelnen Lerneinheiten vergeht eine Woche, innerhalb der ausprobiert werden soll, was als Lern- und Übungsaufgaben angestoßen ist.

Reflexive Wende und notwendige Subjektorientierung

Dass der Selbsthilfeansatz oder gar selbstorganisiertes, selbstgesteuertes, mithin subjektorientiertes Lernen in der Geschichte der Bildung beileibe nicht üblich war, deutet das Etikett Reflexive Wende an. „Auch die Erwachsenenpädagogik hat im Zuge der ‚Reflexiven Wende’ (Schlutz, 1982; Schmitz 1984) einer notwendigen Subjektorientierung in der Weiterbildung Rechnung getragen.“ (Arnold/Schüssler 2001, S. 59)

Das könnte man gut so stehen lassen. Doch genauer betrachtet stellt sich die Frage, warum Subjektorientierung eine notwendige ist? Wo genau ist hier die Not?
Ich interpretiere es dahingehend, dass das Notwendige bedeuten könnte: sich gezwungen sehen, sich zu wenden, sich umzuwenden, gezielt Ausschau zu halten, sich (neu) zu orientieren, zum Beispiel nach dem (und mit Hilfe des) sozialen Gefüge(s) bibliothekarischer Kolleginnen und Kollegen (dem so genannten „Social Network“), um nicht allzu frühzeitig und (wie ich meine) unnötig in die (in Meuelers 34 Annahmen aufgezeigte) „Isolation“ zu geraten.
Ebenso ist (Weiter)Bildung und Wissen (im Sinne von Fähigkeiten und Fertigkeiten) per se kein isoliertes, einseitiges, einschließbares, eingrenzendes, ergo: genötigtes Gebilde und muss hiermit in die notwendige Freiheit – wohl auch des für manch einen allzu freien Internets – entlassen werden.

Um mit dem letzten Satz des Eingangszitats von Meueler zu schließen:

„Bildung erweist sich als notwendig“

und ich ergänze:

… im Sinne einer subjektfördernden Wendebereitschaft, die auch ohne Extrem-Notfälle (wie im Beispiel Tschernobyl) an ihrem eigenen Anspruch nicht scheitern darf.

Deshalb sollte sich niemand vor neuen (subjekthaften) Bildungswegen und auch nicht vor dem „entlassenen“ Wissen im Web 2.0 verschließen, ebenso wenig wie vor der (bildungstheoretischen) Diskussion „pro und contra Bildung und Wissen durch das Web 2.0“.

Mein Pro zur Bildung und Wissen durch Web 2.0 ist gleichzeitig der Gegenstand dieses Artikels:

die Möglichkeit, durch Web 2.0 subjektorientiert, subjektfördernd, selbstorganisiert und durch Bedienung des eigenen Verstandes an Bildung und Wissen zu gelangen. Für die tätige, praktische Erwachsenenbildung erwächst daraus der Anspruch, begleitend und verantwortlich durch das Dickicht der Web 2.0-Welt mit all Ihren guten wie schlechten Quellen zu manövrieren. Allen voran richtet sich diese Aufgabe an Informationsbroker und BibliothekarInnen, aber auch an ErwachsenenbildnerInnen, die Web 2.0 und Soziale Software in ihr Beratungs- und Seminarangebot in geeigneter Weise mit aufnehmen sollten.

Lasst uns diskutieren, ihr seid/Sie sind herzlich dazu eingeladen, hier auf fobikom.wordpress.de

Literaturnachweise:

Meueler 1998

Die Türen des Käfigs : Wege zum Subjekt in der Erwachsenenbildung / Erhard Meueler ; mit Zeichn. von Jules Stauber. – 2., in der Ausstattung veränderte Aufl.. – Stuttgart : Klett-Cotta, 1998. – 260 S. : Ill.; (dt.) (Konzepte der Humanwissenschaften)
ISBN 3-608-91930-9
Literaturverzeichnis S. 245 – 260

Arnold/Schüssler 2001

Arnold, Rolf / Schüssler, Ingeborg: Entwicklung des Kompetenzbegriffs. In:

Komplexität und Kompetenz : ausgewählte Fragen der Kompetenzforschung / Bundesinstitut für Berufsbildung, Der Generalsekretär, Bonn. Guido Frank (Hrsg.). – Bielefeld : Bertelsmann, 2001. – 359 S. : graph. Darst.
ISBN 3-7639-0949-4

Interview SZ 2006

Karin Wurzbacher und Claudia Wessel
in: Süddeutsche Zeitung, München, Bayern, Ausgabe 24.04.2006

Quelle, Letzter Zugriff: 27.04.08

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: