Zur Hirnforschung und Bildung aus Bamberg

November 16, 2009

So beschaulich wie es auch erscheinen mag – Bamberg hat doch so einiges zu bieten in Sachen Hirn und Bildung. Der Fränkische Tag (FT, 14/15.11.2009) zitiert Prof. Manfred Spitzer mit „Das Gehirn lernt immer“. Der Hirnforscher referierte an den 14. Bamberger Wirtschaftstagen über die Funktionsweise des Gehirns. Neben der Erkenntnis, dass Glück und Lernen in einem Zusammenhang stünden, unternahm er dabei auch einen Abstecher in die Pädagogik.

Spitzner erklärte, dass das Gehirn gar nicht anders könne, als immer zu lernen und sich je nach Reiz und Eindrücken auch immer wieder zu ändern. Lernen hinterlasse außerdem Spuren im Kopf. Leider auch, wenn ein 18-Jähriger durchschnittlich 200.000 Gewalttaten durch Fernsehen konsumiert hat. Rund fünfeinhalb Stunden Medienkonsum pro Tag stehen den durchschnittlich vier vollen Unterrichtsstunden gegenüber. Wie das Verhältnis „Wissensaufnahme versus Bilder“gewalt“ bei Erwachsenen aussieht, wage ich jetzt nicht daraus abzuleiten.

Außerdem zu lesen: Der Kultusminister Ludwig Spaenle äußerte sich während einer Diskussion mit Wissenschaftlern in Bamberg erstaunt darüber, „warum […] das Nationale Bildungspanel nicht schon vor 30 Jahren angedacht wurde“, so die FT (S.3). [Wir berichteten zum Start des Projektes.] Und weiter: „In seiner Verfolgung des Bildungsverlaufs über ein ganzes Lebensalter hinweg stelle das Projekt eine weltweit einmalige Untersuchung dar.“ Die Ergebnisse aus 60.000 Entwicklungsverläufen werde zu deutlichen Veränderungen in unserer Bildungslandschaft führen. Man darf gespannt sein … und wir bleiben dran … am Hirn und an der Bildung!


„Lebens-hmhm“ Lernen: eine Antwort

Oktober 23, 2009

Da war es noch Sommer, am 11. August. Gut zwei Monate ist es nun schon her, dass wir im Blogbeitrag „Ist Internetnutzung bereits als lernen anzusehen oder …“ in eine kurze Diskussion zum Begriff Lebenslanges Lernen abgedriftet sind. Ich konnte mich nicht so recht mit ihm anfreunden. Rein sprachlich, versteht sich! Die Idee hinter dem Begriff kann ich nur gut heißen.

Auf diesen Beitrag folgte ein Kommentar von wedernoch. Ich zitiere:

Mir gefällt der Begriff „lebenslanges Lernen“. Allerdings bin ich auch älter. Bis zum Ende des Lebens zu lernen und nicht mit 65 auf hören zu müssen, das ist genau das, was ich will. Gut, man kann es auch „lebensbegleitendes Lernen“ nennen.

Ja, „lebensbegleitend“ klingt mir schon wesentlich symphatischer.

Nun werfe ich posthum als Antwort erneut einen Zwei-Wort-Begriff in die Runde:

„Lebensumspannendes“ Lernen

Gefunden habe ich ihn im Arbeitsdokument „Memorandum über Lebenslanges Lernen“ (PDF | 297,4 KB) der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Brüssel 2000 (!):

Der Begriff „lebenslanges Lernen“ stellt auf die zeitliche Dimension ab: es geht um Lernen während des ganzen Lebens; dieses Lernen kann kontinuierlich stattfinden oder in regelmäßigen Abständen. Der neue Begriff eines „lebensumspannenden Lernens“ bringt eine neue Dimension in das Bild ein, indem er auf die „räumliche“ Ausdehnung des Lernens abstellt, das in allen Lebensbereichen und -phasen stattfinden kann.13 Die „lebensumspan-
nende“ Dimension verdeutlicht die Komplementarität von formalem, nicht-formalem und informellem Lernen. Sie macht uns bewusst, das sinnvolles und vergnügliches Lernen auch in der Familie, in der Freizeit, im Gemeinwesen und bei der täglichen Arbeit stattfindet. Das Konzept des „lebensumspannende Lernen“ führt uns vor Augen, dass Lehren und Lernen Rollen und Tätigkeiten sind, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten un-
terschiedliche Gestalt annehmen können, wobei es auch zu einem Rollentausch kommen kann.

Ob lebenslang, lebensbegleitend oder lebensumspannend – Hauptsache, adäquate Bildung für alle!


Gehirnforschung und Lernen für Erwachsene

Oktober 22, 2009

Am 23.-24. Oktober findet in München das MBF-Herbstforum 2009 (Münchener Bildungsforum) unter dem Titel Was wirkt wirklich? – Gehirnforschung und Lernen für Erwachsene (Programm, PDF, 481 kb) statt. Das Münchener Bildungsforum ist „ein Netzwerk für Weiterbildung und Personalentwicklung der Zukunft.“

Themen werden sein:

  • Neurodidaktik – Konsequenzen aus der Gehirnforschung
    Denkmuster besser verstehen – Wirksamkeit erhöhen / Ralf Besser
  • Die Psychodynamik des Lernens
    Theoretische Überlegungen und praktische Umsetzung  / Dr. Markus Jensch
  • Synchronizing (Das Tool zur Selbstreflexion)
  • Der Lernstern am Pädagogen-Himmel –
    Fünf Herausforderungen angesichts der neuen und
    altbekannten Erkenntnisse der Lern- und Gehirnforschung / Dr. Hubert
    Klingenberger
  • „Innovationsgeist fällt nicht vom Himmel“ / Nicole Truckenbrodt

Wissensmanagement und Weiterbildung

Oktober 20, 2009

Gabi Reimann weist in ihrem e-Denkarium auf den Post-Print des Aufsatzes aus der dritten Auflage des Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung von ihr und Heinz Mandl hin:

Lange Zeit haben sich E-Learning und Wissensmanagement in der Forschung wie auch in der Praxis eher auf Distanz gehalten, was deutlich etwa auf Tagungen, in Handbüchern und Projekten erkennbar war. Nun aber stellen sich immer mehr Entgrenzungsphänomene ein, bei denen nicht mehr ganz klar ist, ob der Aspekt des Lernens oder des Wissensmanagements im Vordergrund steht (…).

(S. 1060 im Aufsatz) Der Aufsatz setzt die beiden Begriffe in Beziehung und bietet vor allem viele graphische Darstellungen, anhand derer man die Facetten des Begriffs Wissensmanagement und die Einbettung in das Anwendungsfeld Weiterbildung leicht(er) erfassen kann.


Universitäts-Ranking, mit Überleitung zur inetbib-Tagung

Oktober 13, 2009

bildungsklick.de nimmt Bezug auf eine Pressemeldung des Wissenschaftsministeriums Baden-Württemberg, in welchem dieses auf das jährlich erneuerte The Times Higher Education-QS World University Ranking Bezug nimmt, welches die 200 „besten“ Universitäten der Welt anhand von Zitationsindices, Reputation bei Wissenschaftlern und Arbeitgebern ermittelt. Interessant, dass von den vier baden-württembergischen Universitäten zwei ziemlich gestiegen sind, die in letzter Zeit Exzellenz-Gelder zur Verfügung hatten. Die Geldspritze scheint zu wirken …
Weit vor den eher im Mittelfeld verorteten baden-württembergischen Universitäten freilich steht auf Platz 24 die am höchsten angesiedelte deutschsprachige Universität, die ETH Zürich, welche u.a. auch durch ihre eLearning-Aktivitäten glänzt. Wer sich diese Universität ein wenig näher anschauen will, hat im nächsten Frühjahr dazu Gelegenheit anläßlich der inetbib-Tagung, die vom 14.4. bis 16.4.2010 dort stattfindet. Die inetbib-Tagung zeichnet sich nicht nur durch ihre Thematik aus, sondern auch durch das „einzügige“ Konzept kleinerer Tagungen, wo alle (die gerade teilnehmen und sich nicht verlustieren) dieselben Inhalte mitbekommen und man somit denselben Background hat und sich besser dazu austauschen kann als bei Tagungen, wo man sich für eine Veranstaltung entscheiden muss und 2-3 andere nicht mitbekommt. Keine Qual der Wahl also!


Werkstatt Weiterbildung (13): Blog Informelles Lernen

September 30, 2009

Ein Nachtrag zur eigentlich bereits abgeschlossenen Rezensionsreihe „Werkstatt Weiterbildung“ … der Beitrag schlummerte im Entwurfsmodus und möchte jetzt doch bitte ausgegraben werden.

Informelles Lernen wird innerhalb der bildungspolitischen Diskussion zumeist im selben Atemzug genannt mit Lebenslangem Lernen. Nun ist Informelles Lernen an sich nichts Neues. So lernt die Jungbäuerin (freiwillig) durch Zuhören, wann die beste Setzzeit für Kartoffeln ist: bei abnehmendem Mond, jedoch nicht zu nahe am Neumond, sondern besser kurz nach Vollmond. Über ergoogelte Informationen der Stiftung Agrikos erfährt sie mehr zum Stufenplan Bodenbearbeitungszeiten Kartoffeln (PDF, 1,3 MB) als Vorbeugung der Phytophtora und sonstigen Krankheitsproblemen.

Für diese und andere Kenntnisse kann sie sich jedoch noch keine Kartoffeln holen bzw. sich mit dem Titel „Agrartechnikerin“ schmücken. Es sei denn, sie kann nachweisen, was sie wo und wie gut gelernt hat. Und es sei denn, es gibt eine Institution, die das Informelle Lernen mittels eines Portfolios überprüft, akkreditiert und zertifiziert. Informelles Lernen also zum Gegenstand innerhalb eines Anerkennungsverfahrens mit möglicherweise nachfolgenden (geldwerten) Vorteilen. Informelles Lernen also kein neuer Trend, sondern eher „natürliches“ Lernen?

Dem Informellen Lernen wissenschaftlich (!) genähert hat sich das Team des Weblogs informelles-lernen.de, Matthias Rohs und Prof. Dr. Bernd Overwien. Sie haben jeweils meine vereinfachte „Kartoffel-Analogie“ zum Gegenstand ihrer Dissertation gemacht – und eben auch zum Themenbereichs ihres Blogs. Vor allem Letztgenannten nimmt man die innere Anteilnahme am Thema voll und ganz ab. Vom Elektriker zum Professor, das erscheint mir nur möglich mit einem gehörigen Anteil von Motivation durch selbstbestimmtes Lernen unter Sprengung aller althergebrachten Lernerfahrungsgrenzen – eben auch durch Informelles Lernen.

>> Eine Offerte aus der Feedliste des Weblogs Werkstatt Weiterbildung <<


Weibliche Lerntechnik und E-Learning als Präventivmaßnahme

September 11, 2009

Die Fachhochschule Bremen mit ihrem Informatikstudiengang nur für Frauen hat einen interessanten Lehransatz: Mehr E-Learning, weniger Präsenzveranstaltungen. Damit Frauen für die spätere Realität vorbereitet sind: Kinder kriegen und von zu Hause aus arbeiten.

In technischen Studiengängen scheinen Frauen eine andere Herangehensweise als Männer zu haben, so ist heute im Fränkischen Tag zu lesen. Kerstin Abel, Sprecherin des Studienganges Wirtschaftsingenieurwesen zufolge tendieren Frauen dazu, „Dinge zu hinterfragen“. Und ohne blöde Sprüche auszukommen, etwa, wenn Kommiliton(inn)en eine Frage stellen.

Übrigens gibt es Studiengänge nur für Frauen auch an wenigen weiteren Hochschulen, zum Beispiel der FH Furtwangen, Stralsund, HTW Berlin und der FH Wilhelmshaven.

Wer sich mit dem Thema Frauen in Wissenschaft und Forschung auseinander setzen möchte, der oder dem sei die Website von  CEWS Center of Excellence – Women an Science auch auf Grund ihres umfangreichen Informationspools und Meldungen zu EU-Aktivitäten warm empfohlen.


Investitionen in Bildung: JETZT

September 9, 2009

Mit gerade einmal 2,5 Prozent der 30- bis 39-Jährigen, die sich für ein Vollzeit- oder Teilzeitstudium eingeschrieben haben, sind die Deutschen laut der neuen OECD-Studie in der Weiterbildung weit abgefallen. Australien, Finnland oder Schweden verbuchen 13 Prozent und mehr. Nur noch die Türkei und Korea weisen innerhalb der OECD geringere Werte auf.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erklärte, an internationalen Maßstäben gemessen müssten in Deutschland Jahr für Jahr mindestens 30 bis 40 Milliarden Euro mehr für die Bildung ausgegeben werden. Die bildungspolitische Sprecherin Partei Die Linke, Nele Hirsch, monierte, das Bildungssystem sei chronisch unterfinanziert. Der Verband Bildung und Erziehung betonte, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise müssten Bildungsausgaben Vorrang bekommen.

[via tagesschau.de]


Porträt Weiterbildung Deutschland und Österreich (9.2)

September 4, 2009

Und weiter geht’s im Kapitel Tendenzen und Perspektiven aus den Porträtbändchen Deutschlands und Österreichs. Wissenschaftliche Befunde, so erfahren wir aus Österreich, betonen einen Zusammenhang betreffs der Höhe der Ausbildung und des Wirtschaftswachstums. Des weiteren werden zwei Problemzonen des Bildungswesens ausgemacht:

Erstens verlassen bis zu 20 Prozent der 15-jährigen eines Jahrganges die Schule mit großen Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Und zweitens werden bei den Führungskräften besonders die „Soft Skills“ vermisst. Zum Beispiel in Sachen Kommunikation und des „Miteinander Lernens“ in den (künftig hoffentlich hierarchieflacheren) Organisationen. Erwünscht wird außerdem eine vermehrte Wahrnehmung der Vermittlungs- und Weiterbildungsfunktion auf Seiten der Führungskräfte.

Weiterbildung auch als verbindendes Element zwischen Schule und Hochschulen, als Querschnittsthema, als „präventive Arbeit, um den Wandel kreativer gestalten zu können“. Schlechte Aussichten, wenn schätzungsweise 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung nicht an Fortbildungen teilnehmen. Dem Ministerium für Arbeit und Soziales ist das ein Dorn im Auge und es begründet die Förderung von Weiterbildung dementsprechend in seinem Positionspapier von 1996, nachzulesen bei Werner Lenz.

Hat der Aufruf genutzt? „Erst gezielter Einsatz von Personal und Finanzmittel lassen Erwachsenenbildung in ihrer sozialpolitischen Dimension wirksam werden“, so die Erwartungshaltung, die die KEBÖ (Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs) im Jahr 2001 an die Politik (in sinngemäßer Form) geäußert hat. Sie fordert einen jährlichen Mehraufwand von bis zu 145 Millionen Euro. Was damit passieren soll, hat Lenz ausführlich und nachvollziehbar aufgeführt. Im Wesentlichen treffen diese Anliegen auch auf deutsche Lande zu.

Neben der sozialpolitischen Dimension spielt – und ich blicke wieder in das deutsche Porträt – die regionale Dimension und in der logischen Abfolge die Subsidiarität (innerhalb des Staates bzw. Gesamtdeutschlands) eine große Rolle. Globale Probleme und die europäische Dimension ist die eine, regionale und individuelle Probleme die andere Komponente, gerade auch, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit in der Arbeitswelt geht. Eine Lösungsansatz sind kooperative Netzwerke, wie sie im Zusammenhang mit der „Lernenden Region – Förderung von Netzwerken“ stehen.

Kurz zurück nach Österreich. Hier macht mir ein Passus zu schaffen, der folgendermaßen lautet:

Sie [die österreichische Erwachsenenbildung] steht am Anfang einer neuen Phase, in der Erkenntnisse aus der Praxis und wissenschaftliche Analysen ebenso gefragt sind wie die weitere Mitarbeit engagierten und qualifizierten jungen und erfahrenen Personals.

Jung UND Erfahren? Ich hoffe, hier wird nicht nach der eierlegenden Wollmilchsau gesucht. Aber im Bezug auf Weiterbildung wäre das durchaus verständlich. Von der Erwachsenenbildung wird viel erwartet und erhofft, doch zu wenig Konkretes geleistet. Wer’s austragen wird? Gering Verdienende und sozial Benachteiligte sowie engagierte und qualifizierte, jedoch unterbezahlte Trainer(inn)en? Das ist wohl ein trauriges Bild Europas. Es fällt nur deshalb nicht sonderlich auf, da es in anderen Ländern und Regionen noch viel schlechter bestellt ist.

Jammern auf hohem Niveau ist es jedoch auch nicht. Beklagen möchte ich vielmehr den Umstand, dass diejenigen, die ernten, DIE vergessen, die zunächst den Boden bereiten, ihn säen und pflegen. Wenn also beispielsweise die herstellende Industrie ihren Reibach macht, wäre es nur recht und billig, sie in entsprechender monitärer Weise am Heranwachsen qualifizierter Mitarbeiter(innen) stärker zu beteiligen. Nicht nur weniger Einzelner qua Ausbildung. Ein allgemeiner Bildungsfond fällt mir da spontan ein. Und Ihnen? Wo wir schon dabei sind: welche Perspektiven haben eigentlich Sie? Schreiben Sie uns.


Porträt Weiterbildung Deutschland und Österreich (9.1)

September 3, 2009

Der heutige Beitrag befasst sich mit der jeweiligen Kapitelnummer 12 der beiden Bändchen Porträt Weiterbildung Deutschland bzw. Österreich: Tendenzen und Perspektiven. Blicken wir also in die Glaskugel der Erwachsenenbildung.

Einige Themen sind in fast jedem europäischen Land gleichermaßen akut geworden: die politische Bildung, Literacy, die Bildung älterer Menschen und die der Migrant(inn)en – dieses war zu lesen im letzten Kapitel. Aber auch selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen werden eine immer größere Rolle spielen. Doch bevor wir zu diesem durchaus positiven Teil der Zukunftsschau kommen, zunächst eine beinahe apokalyptisch anmutende Aussage E. Nuissls/P. Brandts für Deutschland. Diese  besagt, dass es „erheblicher gemeinsamer Anstrengungen“ bedarf,  dass man eine „große Minderheit der Bevölkerung [d. i. 20 - 30 %] nicht in ein System der ’social exclusion’ [zu] treiben“ darf, aus dem herauszukommen kaum mehr möglich ist.“

Eine weitere Kernaussage betrifft die viel zitierte Schere, die auch bei der Bezahlbarkeit von Bildung mittlerweile zutrifft: es gibt viele, die nicht einmal niedrige Entgelte für Bildungsbeteiligung zu bezahlen vermögen, und viele, die auch bereit sind, für ihr berufliches Fortkommen „deutlich höhere Entgelte zu zahlen.“ Es ist der unumkehrbare „Weg einer Regulierung des Bildungssystem von der Angebots- zur Nachfrageinduktion“ – und damit der Beginn eines Paradigmenwechsels in der Erwachsenenbildung. Soviel also zum gesellschaftlichen Bildungsauftrag. Leidiges Credo: „Wer zahlt. schafft an.“ Erhärtet wird diese (meine) These durch den österreichischen Band mit der Aussage von W. Lenz: „Weiterbildung wird als unverzichtbares wirtschaftliches Element angesehen. Der traditionelle Anspruch von Bildung als Beitrag zur Entwicklung der Persönlichkeit, als Moment der indiviuellen, sozialen und demokratiepolitischen Orientierung wird immer mehr ausgeblendet.“

Minimale Gegensteuerung dazu: die Anerkennung eines (deutschen) ProfilPASSes als Anerkennung selbstgesteuerteten Lernens und somit auch die informellen Bereiche des Lernens betreffend. Geschuldet für meine Begriffe eindeutig der unübersehbaren demokratischen Bildungsgestaltungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, zum Beispiel über selbstverantwortliches Online-Lernen, einem selbstorganisierten Netzwerklernens oder einer autodidaktischen Grenzüberschreitung von Raum und Disziplinen. Jeder Mensch kann sich selbst bilden – das ist kein neuer, aber vielleicht mit Hilfe des Internets neu entdeckter Horizont.

Alleine in diesen Zeilen steckt soviel Zündstoff zum Nachdenken, dass ich es heute damit bewenden lasse. Wer mag, kann dazu gerne einen Kommentar beisteuern. Morgen mehr … im doppelten Sinne.


Online lernen im Unterschied zum direkten Unterricht

September 2, 2009

Josh Catone wies gestern auf Mashable auf eine – wenn ich es richtig verstehe – Sekundärstudie des amerikanischen Bildungsministeriums hin, nach deren Ergebnissen Online-Lernen effektiver sein soll als der Unterricht in einer Face-to-Face-Situation. Allerdings werden gleich Einschränkungen gemacht, beispielsweise dass die Ergebnisse nicht unbedingt auf Schüler übertragbar seien, dass die beiden Lernsituationen nicht direkt vergleichbar wären und lediglich eine Korrelation (ein Zusammenhang) ausgesagt werde, aber keine kausale Aussage damit verbunden sei (kein ursächlicher Zusammenhang).
Interessant ist die in einem Abschnitt gezeigte Tabelle mit einem „framework“ für Online-Lernen, also einer Matrix, die grundsätzliche Beziehungen aufzeigen soll. Hier wird das Lernen in drei Ausprägungen geteilt: erklärendes, aktives und interaktives Lernen. Interessant nun, dass jedes dieser Merkmale nochmal geteilt wird in „synchrones“ und „asynchrones“ Lernen. Synchrones (Online-)Lernen ist eher der Face-to-Face-Situation nachgestellt, asynchrones hingegen bietet Methoden und Materialien, mit denen der Lernende eigenständig umgeht. Letztere sind natürlich die schwieriger zu erstellenden Lerneinheiten! Die These ist nun, dass Online-Lernen – nennen wir es doch einfach eLearning – bisher noch im erklärenden Lernen verhaftet ist und klassische Lernsituation nachstellt. Allmählich wird es sich aber in die beiden anderen Ausprägungen entwickeln.
Den letzten Abschnitt, der die Frage behandelt, ob man später dann üerhaupt noch Lehrer benötigt, habe ich nicht mehr gelesen. Irrelevante Fragestellung, was mich anbelangt! – Es gibt so viele unterschiedliche Bedürfnisse beim Lernen, dass es bestimmt weiterhin einen namhaften Teil von Lernenden geben wird, der gern mit Lehrer und Lerngruppe sich die Dinge aneignet. Es muss nicht alles über einen Leisten gezogen werden, Hauptsache, dass jene, die lieber selbst und im Netz lernen, zu ihrem Recht kommen!


Porträt Weiterbildung Deutschland und Österreich (8)

August 31, 2009

Wie nicht anders zu erwarten war, haben in beiden Ländern – Deutschland wie Österreich – die europäischen und internationalen Kontakte seit der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ zugenommen. In Österreich in besonderem Maße seit deren Beitritt zur Europäischen Union und verstärkt ostwärts gerichtet.

Um internationale Kontakte also geht es im jeweils zehnten Kapitel der Porträtreihe Weiterbildung des DIE, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, verlegt im W. Bertelsmann Verlag. Die Kontakte äußern sich beispielsweise in grenzüberschreitenden Projekten und Kooperationen, gemeinsamen Konferenzen und Diskussionen, der gemeinsamen Forschung und der Entwicklung der Bildungssysteme, in Querschnittsprogrammen und dem Austausch von Daten und Informationen.

Ekkehard Nuissl und Peter Brandt zeigen mittels einer Liste auf, in welchem europäischen und internationalen Kontext sich die deutsche Erwachsenenbildung befindet. Um den Blogbeitrag nicht zu sprengen und um das Büchlein nicht einfach abzutippen, mögen die Abkürzungen als Anreiz genügen – wer Spaß hat, darf versuchen, sie aufzulösen: EAEA, ERDI, ESREA, ICAE, Europarat (das war jetzt einfach), UNESCO-CERI. Ferner EUCEN, ISCAE, EARLALL sowie EUROSTAT, OECD, PIAAC. Den Bibliotheken nicht unbekannt die Programme SOKRATES, LEONARDO und GRUNDTVIG.

(Kleiner Tipp: „A“ gerne verwendet für Adult, „E“ für Education und Europa.)

Kein Wunder, dass der Band für Deutschland drei Seiten benötigt, um Licht in die internationalen Verhältnisse zu bringen. Das aber in bewährt komprimierter und eingängiger Weise. Werner Lenz für Österreich kann es sich da mit einer Seite offensichtlich etwas einfacher machen. Hier ist der Hinweis zu finden, dass die Kooperationen und Projekte bei den jeweiligen Trägern (siehe dazu auch vorangegangene Blogeinträge innerhalb der Rezensionsreihe) abrufbar sind. Beachtenswert: an der Universität Graz kann im Rahmen von SOKRATES bis zu zwei Semester unter Anrechnung von ausländischen Lehrveranstaltungen an einer europäischen Partneruniversität studiert werden.
Als kleine Ergänzung: im bereits einmal vorgestellten 3L3-Blogs findet sich eine Kategorie „Europa & Internationales“, oft im Zusammenhang mit österreichischen Interessen.

Die Verträge von Maastricht, der Bologna-Prozess, aber auch die technische Entwicklung (Datenbanken, Internet) und damit verbunden die internationalen Vergleichsstudien mögen dazu beigetragen haben, das sich der Bereich der Erwachsenenbildung auf Grund des viel zitierten „Blicks über den Tellerrand“ stetig weiterentwickelt. Und wohin? Das erfahren Sie im nächsten Beitrag zum 11. Kapitel: „Tendenzen und Perspektiven“.