Guten Morgen, Jürgen. Hier meine Nachgedanken zu Deinem gestrigen Nachdenken über Didaktische Reduktion, die mir wieder einmal die Misere in der Erwachsenenbildung vors geistige Augen hielt.
Du schreibst: Vorwissen und Altersgruppe beachten. Hm. Grundsätzlich Ja. Schöner wäre das sicherlich, könnte ich diese Rahmenbedingungen VOR einem Erwachsenenbildungsseminar mit einbeziehen. Doch erstens erfordert es sehr viel unbezahlte Zeit, derartiges Vorwissen abzuchecken. Okay, nehmen wir an, das gibt’s umsonst. Dann bräuchte man rechtzeitig auch eine aktuelle Teilnehmerliste. (Räusper). „Die Teilnehmenden da abholen, wo sie gerade stehen“ ist ja auch so ein geflügelter, vielbenutzer Ausdruck. Ach, ach, ach … so hehr, so gut gedacht, so fein im Ansatz … und die Realität? Ist oft Schweigen. Zumindest bei freiwilligen Seminaren, denn zweitens …
… wird eine Vorabfrage nach dem Wissenstand von den künftigen Teilnehmenden kaum beantwortet. Unterstellung? Nein. Erfahrungswissen. Selbst, wenn für ein Seminar, sagen wir mal: „Jahresbericht gestalten“, gebeten wird, als Grundvoraussetzung der Teilnahme einen eigenen früheren Jahresbericht vorab zuzusenden, kommen höchstens ein Drittel der Teilnehmenden dieser vorbereitenden Aufgabe (die ja für TN UND Trainer/in gedacht ist) nach. Der große Rest sagt: „Hatte grad keinen zur Hand.“, und „ich will mich mal überraschen lassen.“ Druck von Seiten der Veranstalter wird es nicht geben, denn man ist froh, wenn sich genügend Teilnehmende „zwangfrei“ einfinden.
Und drittens wird bei der Anmeldung generell nicht nach dem Alter gefragt. Da wedeln die Veranstalter schnell ab, von wegen Datenschutz und so. Und herauskommen würde ohnehin: es wird eine inhomogene Gruppe werden. Man ist ja schon froh, wenn immer alle Seminare voll werden. Eine Vorauswahl zu treffen nach „Jung und Alt“ oder in „Anfänger und Fortgeschrittene“ gelingt höchstens noch bei IT-Kursen. (Klar, für Schulen ist das sicherlich einfacher. Und auf das bezog sich Dein Artikel hauptsächlich.) Bei Workshops sind allerdings gemischte Gruppen häufig von Vorteil, da von allen (Lebens)Seiten her gedacht wird.
Fazit: Grau ist alle Theorie. Ich stelle mich generell auf alle(s) ein. Und entscheide letztendlich erfahrungsgeleitet und zusammen mit den Teilnehmenden direkt vor Ort, wie ich den fachlichen Stoff „von mir gebe“. Reduktion ist dabei zugegebenermaßen mein Hauptinstrument. Das liegt jedoch weniger an didaktischen, vielmehr an zeitlichen* Gründen. Doch das ist ein eigenes Thema.
Danke für die Blogvorlage, Jürgen!
* Ein Tagesseminar besteht in der Regel aus höchstens vier bis fünf reinen „Stoffvermittlungs- und aufarbeitungs“-Stunden, sämtliche Pausenzeiten und außerplanmäßige Verspätungen und Überraschungen mit eingerechnet. („Wir haben uns gedacht, wir könnten doch noch schnell eine Führung durchs Haus machen, wo doch jetzt schon mal alle da sind“. „Heute kommt noch unser Bürgermeister vorbei, um Grüß Gott zu sagen“, „Wegen des Bahnstreiks kommen fünf Kolleginnen später, wir sollten auf diese warten, weil das sind ganz tüchtige Bibliothekarinnen …“, „Wir haben einen schönen Tisch im Restaurant XY bestellt, ist das nicht fein? Machen wir einfach eine halbe Stunde länger Pause, das ist doch sicherlich drin, nicht wahr?“, „Zunächst möchte ich noch einige organisatorische Dinge loswerden, weil bei uns im Landkreis ein Projekt ansteht, das die Teilnehmenden sehr interessieren wird …“, „Die Stühle und Tische kommen gleich, leider hat uns unser Hausmeister vergessen“, „Wir müssen dummerweise ins Nebenhaus umziehen, weil der Raum heute vom Landrat gebraucht wird. Leider haben wir nun auch keinen Beamer mehr zur Verfügung“, „Können wir eine halbe Stunde eher Schluss machen? Viele der Kolleginnen müssen übers platte Land nach Hause und der ÖNV hier ist sehr schlecht“, …)
April 8, 2009 um 11:25 |
Liebe Ilona, danke für die Perlen am Ende Deiner Ausführungen – da fallen mir natürlich sofort ebensolche Beispiele ein. Gerade auch die EDV bietet ja mannigfaltige Überraschungen („Ich weiß, wir hatten einen Firefox-Browser versprochen, aber jetzt ist es doch der Explorer. Sie können doch hoffentlich trotzdem Ihre Inhalte vermitteln?“ – Es ist zum Teil unsäglich, unter welchen Bedingungen geschult wird …).
Zu Deinen übrigen Hinweisen: Ich merke hier, dass ich meinen Beitrag vor allem hinsichtlich von Hochschulkursen geschrieben habe, und in Schule und Hochschule hat man ja andere Möglichkeiten, sein Klientel zu kennen als bei einem Erwachsenenbildungs-Seminar, das punktuell stattfindet und zu dem man auch anreist. Vielleicht ist es deshalb immer wichtig, dass die Dozentin/der Dozent möglichst früh da ist, um die „Atmosphäre“ zu inhalieren und die kommenden Teilnehmer/innen „osmotisch“ aufzunehmen – eben um sich drauf einstellen zu können. – Diese Aussage entspricht Deinem Fazit!