Interview der BIB-Kommission für Fortbildung, FobiKom, mit Margit Rützel-Banz zur bibliothekarischen Fort- und Weiterbildung. 
FobiKom: Frau Rützel-Banz, Sie sind seit 2003 in der Geschäftsstelle für Aus- und Fortbildung an der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main / HeBIS für das Kursangebot und die Organisation der Fortbildungen zuständig.
Was macht Sie als Weiterbildungsanbieterin bzw. -organisatorin besonders glücklich?
Margit Rützel-Banz: Hm, da gäbe es viele Komponenten … besonders glücklich macht es mich, wenn die Themen, die ich anbiete, den tatsächlichen Bedarf decken konnten. Und viele Teilnehmende kenne ich ja noch aus meiner langjährigen Tätigkeit an der Bibliotheksschule in Frankfurt a.M., Fachhochschule für Bibliothekswesen. Wenn diese dann Jahre später wieder in meine Fortbildungsveranstaltung kommen, freue ich mich, wenn ich so zusagen noch ein Sahnehäubchen nachreichen konnte. Es ist auch schön zu erfahren, wenn die Fortbildungen etwas zum beruflichen Weiterkommen beigetragen haben.
Wo sehen Sie in der bibliothekarischen Weiterbildung Veränderungs- oder Verbesserungsbedarf?
Rützel-Banz: In einer besseren Absprache und gelegentlichen Treffen mit den Fortbildungsanbietern in ganz Deutschland. Manche meiner Teilnehmer/innen kommen vom Bodenseeraum oder aus Hamburg, und da wäre es doch gut, wenn einige Themen überall angeboten werden könnten und nicht jeder das Rad neu erfinden müsste.
FobiKom: So ähnlich wie das Rent-a-Fobi-Angebot der FobiKom: ein bestimmtes Thema ausarbeiten und allen BIB-Landesgruppen zur Übernahme anbieten, oder?
Rützel-Banz: Ja, etwas in der Art. Und es gab in der Vergangenheit auch schon derartige Ansätze, die aber letztendlich immer im Keim erstickten. Genau so ist das auch mit den Datenbanken. Wissenbringtweiter ist zum Beispiel ein wirklich guter Ansatz. Die Abfragemöglichkeit hat jedoch ein viel zu grobes Raster, so dass man bei der Suche immer genau den Begriff erraten muss, unter der eine Veranstaltung womöglich läuft, sonst findet man nicht alles. Das müsste viel feiner gegliedert sein, und es müssten sich auch mehr an der Eingabe beteiligen.
Welche Themen vermissen Sie in der bibliothekarischen Weiterbildung?
Rützel-Banz: Eigentlich keine …
FobiKom: … denn wenn Sie Lücken finden, schließen Sie die wohl selbst?
Rützel-Banz: So ist es. Kürzlich hatte ich eine sehr spezielle Themenanfrage, dazu wurde meines Wissens und meiner Recherchen nach noch nirgendwo etwas angeboten. Es ging um steuerrechtliche Fragen in der Medienbearbeitung. Ich habe mir passende Dozenten gesucht, die Veranstaltung bundesweit angeboten und im Handumdrehen war sie ausgebucht. Sie wurde auch direkt ein Jahr später wiederholt. Sowohl beim Aufspüren von Themenlücken als auch beim Lückenfüllen bin ich natürlich auf Anregung von außen angewiesen. Hier wie bei der Referentensuche hilft mir mein Netzwerk, welches ich in langen Jahren geknüpft habe.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten …
Rützel-Banz: … dann wünschte ich mir ein größeres Verständnis von Seiten der Vorgesetzten. Oft dürfen MitarbeiterInnen nur zu ganz speziellen und den Arbeitsplatz direkt betreffenden Themenbereichen fahren. Alle Fortbildungen, für die sie sich darüber hinaus interessieren, müssen sie dann selbst bezahlen.
Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Fortbildung und Weiterbildung?
Rützel-Banz: Wenn mir das einmal einer erklären könnte, wäre ich dankbar (lacht). Meinem Verständnis nach ist es das Gleiche, und die wissenschaftlichen Definitionen klingen oft sehr bemüht und tragen wenig zur Klärung bei.
Wie schätzen Sie die Situation für die bibliothekarische Weiterbildungszukunft ein?
Rützel-Banz: Als durchaus aufbaufähig. Sie hat sich generell in den letzten Jahren verbessert. Inzwischen ist ein Einsehen da, dass man sich auf dem, was man vor 30 Jahren gelernt hat, nicht ausruhen kann. Es reicht auch nicht aus, sich auf ein Learning by Doing zu verlassen. Ergänzend dazu muss die Theorie draufgesetzt werden.
Welche Chancen geben Sie dem E-Learning in der bibliothekarischen Weiterbildung?
Rützel-Banz: Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Den persönlichen Austausch halte ich für sehr wichtig. Ich bin eher ein Mensch der Kommunikation. Vermutlich aber wird die Frage von der jüngeren Generation anders beantwortet werden.
An welchen Ausbildungsinhalt können Sie sich erinnern, den Sie bis heute noch gebrauchen können?
Rützel-Banz: Das ist wirklich eine gute Frage … hm, das liegt nun doch schon 40 Jahre zurück.
FobiKom: Vielleicht anders gefragt:
Welche Inhalte aus Ihrer eigenen Studien- bzw. Lehrzeit sehen Sie als überflüssig an, und welche für die Zukunft als wichtig?
Rützel-Banz: Was wir damals hätten gebrauchen können, wären mehr Fertigkeiten zum Management – früher hätte man dazu wohl „zur Organisation“ gesagt. Kenntnisse im Umgang mit Mitarbeiter/innen, also Mitarbeiterführung, vor allem für den höheren und gehobenen Dienst, sollten mehr vermittelt werden.
Aber auch das, was heute nur noch einen geringen Stellenwert beigemessen bekommt: Buchkunde, das historische Buch, Literaturgeschichte … diese Inhalte kommen inzwischen viel zu kurz. Da kann es durchaus vorkommen, dass die eine oder andere Kollegin oder ein Kollege ein bibliophiles Werk von Weltruf in die Hand nimmt, und ohne dessen Bedeutung zu erkennen über den Tresen schiebt. Naja, die Gutenberg-Bibel wird es sicher nicht sein …
Natürlich ist es nicht mehr so wichtig, wann welche berühmte Bibliothek erbaut, abgebrannt und wiederaufgebaut wurde, und welche Bibliographie wann und von wem erstmalig erstellt wurde. So etwas mussten wir damals noch wissen, das ist sicher überflüssig. Auf der anderen Seite gibt es heute immer mehr versierte EDV-Freaks, aber ohne grundständiges bibliothekarisches Allgemeinwissen.
Welche Rolle spielen für Sie die Pausenzeiten während der Fortbildungsveranstaltung?
Rützel-Banz: Die Pausen halte ich für sehr wichtig für die Kommunikation. Bei zweitägigen Veranstaltungen wünschte ich mir Seminare in dafür geeigneteten Räumlichkeiten, auf der „grünen Wiese“ am besten, was hier bei uns in Frankfurt leider nicht möglich ist. Und ein gemeinsames Mittagessen, ein abendliches Beisammensitzen, da hierbei die Netzwerke geknüpft werden können.
Lesen Sie eine spezielle Zeitschrift, Publikation oder Internetbeiträge (z.B. Weblogs, Newsletter, …), von denen Sie im Bezug auf Weiterbildung besonders profitieren?
Rützel-Banz: Ach, da gibt es eine ganze Reihe: ABI-Technik, ZfBB, BuB, Bibliotheksdienst, Bibliothek Forschung und Praxis … und natürlich die Homepages anderer Anbieter, da gehe ich immer mal gerne drüber.
Wenn Sie morgen auf unsere Bundeskanzlerin treffen würden: um was würden Sie sie bitten oder was würden Sie Angelika Merkel fragen?
Rützel-Banz: Darf ich darüber noch einmal schlafen? (lacht) …
Ich würde sie bitten, ähnlich wie es unser Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Wiedereröffnung der Herzogin Amalia Bibliothek getan hat, an geeigneten Stellen auf die Wichtigkeit von Bibliotheken hinzuweisen und die Arbeit von bibliothekarischen Einrichtungen zu unterstützen.
FobiKom: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Rützel-Banz.

Das Interview führte Ilona Munique, Vorsitzende der Kommission für Fortbildung im BIB

Juli 18, 2008 um 10:25 |
Mal als Feedback für alle Fobikom-Artikel: ich lese in diesem blog sehr gerne. Es gibt immer Anregendes zu entdecken. Also mal ein Blog, bei dem ich mich nicht frage, ob es nicht auch ohne ihn ginge … „smile“. Danke!